Neueste Trends bei der Abwärmenutzung in ­Zementanlagen

Onestone Consulting S.L.

Seit zwei bis drei Jahren ist ein merklicher Anstieg von nicht-konventionellen WHR-Anlagen zu verzeichnen. Ein Grund dafür ist die zunehmende Wettbewerbsfähigkeit dieser Technologien durch wachsende Referenzen und Erfahrungen mit den Systemen.

Die Zahl der Stromerzeugungsanlagen aus Abwärme ist seit dem Jahr 2009 weltweit von 525 auf 865 in 2012 gestiegen. Die Anzahl der nichtkonventionellen Verfahren hat sich dabei merklich erhöht. Allerdings wird noch überwiegend die konventionelle Dampfturbinentechnik bevorzugt. In dem nachfolgenden Marktbericht wird ein Fokus auf die technischen Parameter gerichtet, weil es hier oftmals Fehleinschätzungen gibt. Daneben wird die Marktentwicklung mit in Betrieb befindlichen WHR-Anlagen (Waste Heat Recovery) beschrieben und drei Fallbeispiele werden vorgestellt.

1 Einleitung

Die Stromerzeugung aus...
Die Zahl der Stromerzeugungsanlagen aus Abwärme ist seit dem Jahr 2009 weltweit von 525 auf 865 in 2012 gestiegen. Die Anzahl der nichtkonventionellen Verfahren hat sich dabei merklich erhöht. Allerdings wird noch überwiegend die konventionelle Dampfturbinentechnik bevorzugt. In dem nachfolgenden Marktbericht wird ein Fokus auf die technischen Parameter gerichtet, weil es hier oftmals Fehleinschätzungen gibt. Daneben wird die Marktentwicklung mit in Betrieb befindlichen WHR-Anlagen (Waste Heat Recovery) beschrieben und drei Fallbeispiele werden vorgestellt.

1 Einleitung

Die Stromerzeugung aus Abwärme ist in der Zementindustrie in den letzten Jahren zu einem wichtigen Thema geworden. Dies hat vor allem mit steigenden Elektrizitätskosten, der Verbesserung der Anlagenwirtschaftlichkeit, Energieeinsparungen und letztlich dem Umweltschutz und CO2-Einsparungen zu tun. Nachdem in dem Marktbericht in der ZKG International in 2011 [1] bereits über 500 derartige Anlagen bis 2009 berichtet wurden, ist deren Zahl bis Ende 2012 auf etwa 865 gestiegen. Bezüglich der Wirtschaftlichkeit solcher Anlagen existieren noch die unterschiedlichsten Aussagen. Teilweise werden Kapitalrückflusszeiten von unter fünf Jahren genannt, teilweise – und dies insbesondere, wenn es um Fördergelder oder CDM-Klimaschutz-Programme der UN Framework Convention on Climate Change (UNFCCC) geht – werden Amortisationszeiten von 12 Jahren und mehr genannt, was interessanterweise die Zertifizierung solcher Projekte erleichtert.

Betrachtet man die zur Verfügung stehenden Techniken zur Stromerzeugung aus Abwärme, so gibt es drei unterschiedliche Verfahren, die alle ihre Vor- und Nachteile haben:

Steam-Rankine-Cycle (konventionelles Dampf-Verfahren)

Organic-Rankine-Cycle (ORC)

Kalina-Cycle

Das konventionelle Dampfverfahren wird derzeit in über 98 % der Anlagen verwendet. Dabei wird die Abwärme aus der Abluft des Ofenvorwärmers und Klinkerkühlers in Abhitzekesseln für die Dampferzeugung genutzt. Der überhitzte Dampf wird in Dampfturbinen ähnlich wie bei Kraftwerken zur Stromerzeugung verwendet. Während man bei modernen Kraftwerken schon Netto-Wirkungsgrade von etwa 60 % erreichen kann, ist der Wirkungsgrad bei der Abwärmenutzung mit den deutlich niedrigeren Druck- und Temperaturprofilen im Bereich von 20-25 %. Beim ORC-Verfahren wird anstelle des Wasser/Dampfkreislaufs ein organisches Fluid zur Wirkungsgradverbesserung der Niedertemperaturverstromung eingesetzt. Das Kalina-Verfahren verwendet als Prozessfluid ein Ammoniak-/Wassergemisch, welches noch niedrigere Abgastemperaturen als das ORC-Verfahren ermöglicht.

2 Technische Parameter der Abwärmenutzung

Bild 1 zeigt den Leistungsbereich, in dem Abwärmenutzungsanlagen in den letzten Jahren in der Zementindustrie in China ausgeführt wurden. Aufgetragen ist die nominelle elektrische Leistung in MW über der Klinkerkapazität in t/d. Die elektrische Leistung ist annähernd proportional zur Klinkerleistung. Der Konversionsfaktor liegt im Mittel bei 1,8-1,9 MW pro 1000 t/d Klinkerleistung. Bei den Daten ausgeführter Anlagen in China sind zwei Trends zu erkennen. Erstens sind die Konversionsfaktoren seit der breiten Einführung der Technologie in China von 2006 an gestiegen. Inzwischen werden fast nur noch Dampfprozesse der 3. Generation mit höheren Wirkungsgraden verwendet. Außerdem wird zur Erzeugung von überhitztem Dampf Mittenluft aus dem Kühler bei einem höheren Temperaturniveau genutzt.

Ein zweiter Trend seit 2010 zeigt aber wieder geringere Konversionsraten. Dies hat mit der Optimierung des Ofenbrennprozesses bei neuen Zementofenlinien in ­China und den damit verbundenen geringeren spezifischen Energiemengen für die Klinkererzeugung zu tun. Je besser der Anlagenwirkungsgrad ist, umso geringer sind die Temperaturen der Ofen- und Kühlerabluft und umso geringer ist die für eine Abwärmenutzung vorhandene Energiemenge (Bild 2a). Grundsätzlich sind die Anlagenwirkungsgrade und die verfügbaren Abwärmepotenziale von der Anzahl der Wärmetauscherstufen in der Ofenanlage bzw. von der Rohmaterialfeuchte und der erforderlicher Wärme bzw. Temperatur zur Trocknung des Rohmaterials abhängig. Tabelle 1 zeigt die wichtigsten Zusammenhänge. Die meisten Anlagen verwenden heute 5-stufige Wärme­tauscher [2].

Das zweite große Abwärmepotenzial stammt aus der Abluft des Klinkerkühlers. Heute werden praktisch nur noch Rostkühler der 3. und 4. Generation verwendet [3]. Die spezifischen Kühlluftmengen solcher Rostkühler bewegen sich bei 1,7 bis 1,9 Nm3/kgKli. Der größte Teil dieser Kühlluft wird als Sekundär- und Tertiärluft zu dem Klinkerbrennprozess zurückgeführt (rekuperiert). Die Kühler-abluft macht nur 20-25 % der eingesetzten Wärmemenge des Kühlers aus. Entsprechend betragen die Enthalpien der Abluftmengen aus dem Kühler nur etwa 300–470 kJ/kgKli. In der letzen Zeit sind für höhere Temperaturen aus dem Klinkerkühler mit Enthalpien bis zu 550 kJ/kg verstärkt sogenannte Mittenluftentnahmen konzipiert worden. Mit einer Mittenluftentnahme lässt sich ohne eine signifikante Veränderung der Prozessparameter des Ofensystems die Ablufttemperatur aus dem Klinkerkühler von z.B. 250 °C auf 450 °C anheben.

Die Wärmemengen sind von dem Temperaturniveau der Abluft und den Abluftmengen abhängig. Die Enthalpien der Abluft aus dem Ofenvorwärmer und dem Klinkerkühler stehen normalerweise im Verhältnis 3:2. Doch jede Anlage ist separat zu betrachten. Bild 2b zeigt eine Beispielrechnung für die aus dem Ofenabgas und der Kühlerabluft vorhandenen Wärmen. Die genutzte Wärme aus dem Kühler ist dabei größer als die aus dem Ofenabgas, weil in der Größenordnung von 400 kJ/kgKli für Trocknungszwecke bereitgestellt werden müssen. Das Ofen­abgas wird folglich zunächst dem Abhitzekessel zugeführt und die Restwärme nach dem Abhitzekessel wird für Trocknungszwecke genutzt. Insgesamt stehen 600 kJ/kgKli als Wärme aus den Abhitzekesseln zur Verfügung. Mit einem angenommen Wirkungsgrad von 25 % für die Stromerzeugung lassen sich damit 41,7 kWh pro t Klinker erzeugen.

3 Marktentwicklungen/Markttrends

Bis Ende des Jahres 2012 waren weltweit bereits 865 WHR-Anlagen betriebsbereit bzw. in Bau (Bild 3). Auf die TOP5 Länder China, Indien, Japan, Thailand und Pakistan entfällt mit 810 Einheiten fast 95 % des Marktes. Asien ohne den Mittleren Osten kommt allein auf 96,5 %, der Mittlere Osten erreicht 1,7 % und der Rest der Welt mit Europa, Amerika, Afrika und Ozeanien kommt auf 1,8 %. Neben den genannten Ländern sind inzwischen mehrere WHR-Anlagen in Taiwan, Südkorea, Vietnam, den Philippinen, der Türkei, Saudi Arabien, den Emiraten, Deutschland und der Schweiz in Betrieb bzw. in Bau. Anlagenaufträge außerhalb von China haben in den letzten drei Jahren deutlich zugenommen. Während in 2010 nur sieben Anlagen außerhalb von China bestellt wurden, waren es in 2011 bereits 17 und in 2012 insgesamt 19. Bei den Zahlen werden die Generatorenanlagen gezählt, nicht die Zahl der Abhitzekessel, die sehr viel größer ist.

Momentan hat China mit 739 Einheiten einen weltweiten Marktanteil von 85,4%. Bild 4 zeigt, wie sich die Zahlen für China seit 2005 entwickelt haben. Dabei sind nur in Betrieb befindliche Anlagen erfasst. Nach relativ geringen Zahlen in den ersten Jahren war 2009 ein Boomjahr mit 181 Anlagen, die in Betrieb gingen. Seitdem ­haben die neuen Anlagen stetig abgenommen. Dies hat im Westlichen mit drei Faktoren zu tun.

Die Zahl neuer Zementlinien sinkt momentan aufgrund sich abzeichnender Überkapazitäten im Markt.

Das Potenzial von Nachrüstungen bestehender Klinkerlinien nimmt ab. Die China Cement Association (CCA) geht davon aus, dass weniger als 25 % der vorhandenen modernen Ofenlinien nachgerüstet werden können.

Die Förderung von Projekten nach dem CDM-Programm hat abgenommen. Bis Ende 2010 wurden insgesamt 217 WHR-Projekte gefördert, was einem Anteil von 41 % der chinesischen Projekte bis dahin entspricht.

WHR-Systeme sind bisher in über 60 % der modernen Ofenlinien in China zum Einsatz gekommen. Einzelne Produzenten wie Anhui Conch haben praktisch schon alle ihre modernen Ofenlinien ausgerüstet. Bis zum April waren bei Conch 61 Anlagen (Bild 5) mit einer nominellen Kapazität von fast 700 MW in Betrieb. Die durchschnittliche jährliche Anlagenverfügbarkeit lag bei hohen 97,9 %. Insgesamt verfügten chinesische Zementanlagen bis Ende 2012 über eine nominelle WHR-Kapazität von 6575 MW, d.h. die durchschnittliche Anlagengröße liegt bei 8,9 MW. Dabei wird die Abwärme aus insgesamt 985 Ofenlinien genutzt. Durchschnittlich in jeder 4. Zementanlage wird die Abwärme aus zwei oder mehr Klinkerlinien für ein Generatorsystem verwendet. Die insgesamt genutzte Klinkerkapazität liegt bei 1160 Millionen Jahrestonnen (Mta).

In China kommen bisher fast ausschließlich konventionelle WHR-Systeme mit Wasser-Dampfkreislauf zum Tragen [4]. Lediglich in drei Werken werden andere Verfahren erprobt. Momentan gibt es in China sieben namhafte lokale Systemlieferanten sowie die weiteren Anbieter Conch Kawasaki (chin.-jap. Joint-Venture) und JFE (jap. Anbieter) im Markt. In der Summe dieser Anbieter kommt man bis Ende 2012 auf 819 Referenzen in China, was um 80 größer als die Zahl der in Betrieb befindlichen Systeme ist. Marktführer sind Sinoma-EC, Conch-Kawasaki, NKK = Nanjing Kesen Kenen (die zur CNBM-Gruppe gehören und vormals Nanjing Triumph hießen), Dalian East und Citic Heavy Industries. Reine Hersteller von Abhitzekesseln wie Jianglian (JJIEC) oder Lieferanten von Generatoren werden hier nicht als Systemlieferenten betrachtet.

4 Technologien/Rahmenbedingungen

Die verschiedenen WHR-Anlagen besitzen denselben prinzipiellen Aufbau (Bild 6).

Die Klinkerproduktionslinie wird dabei nicht verändert. Nur die Abluftströme des Ofenvorwärmers und Klinkerkühlers werden zur Wärmerückgewinnung entweder vollständig oder teilweise genutzt. Entsprechend kann das WHR-System als separate Anlage gesehen werden. Die Wärmerückgewinnung erfolgt in getrennten Abhitzekesseln bzw. Rekuperatoren für Ofenabgas und Kühler. Je nach gewählten Prozessfluid kann noch ein weiterer Wärmeübertragungskreislauf zwischengeschaltet werden. Die gewonnene Wärmeenergie wird verwendet, um eine Turbine anzutreiben, die ihre mechanische Energie an einen Stromgenerator abgibt. Das Prozessfluid wird in einem Kondensator durch einen nachgeschalteten Kühlkreislauf für ein möglichst großes Temperaturgefälle vor und nach der Turbine heruntergekühlt. Über Pumpen wird das Prozessfluid dem Kreislauf erneut zugeführt.

4.1 Steam-Rankine-Cycle
Derartige Anlagen (Bild 7) sind in der Zementindustrie bisher zu 98,5 % verbreitet. Bei dem konventionellen Dampfturbinenprozess wird Wasser in den Dampferzeugern (Abhitzekessel) erhitzt und verdampft. Der Dampf strömt in eine Dampfturbine, wo er sich entspannt und so einen Generator antreibt. Im Kondensator wird der Wasserdampf gekühlt, über ein Rückkühlsystem zu Wasser kondensiert und erneut in den Dampferzeuger gepumpt. Ein solches System benötigt eine funktionierende Wasseraufbereitung (Bild 8) mit ständiger Wasserentgasung, Entmineralisierung und Chemikalienzufuhr zur ph-Wert Einstellung und dergleichen. Die Dampfparameter mit Dampfdrücken bis zu 2,5 MPa und Temperaturen bis zu 350–370 °C richten sich nach den zur Verfügung stehenden Wärmemengen und dem verwendeten System. Die größten Wirkungsgrade werden erreicht, wenn man Hoch- und Niederdruckdampf erzeugt und damit die Dampfturbine antreibt.

Der Wirkungsgrad des Dampfturbinenprozesses in der Zementindustrie liegt bei 20-25 %, d.h. nur 1/5 bis 1/4 der Abwärme kann in elektrische Energie umgewandelt werden. Um den Wirkungsgrad zu bessern, werden die Abhitzekessel (Bild 9) als Mehrdruckkessel mit Economiser, Verdampfer und Überhitzer ausgeführt. Bei den Bauarten haben sich Kessel mit vertikaler und horizontaler Anordnung der Wärmetauscherrohre gleichermaßen bewährt, wobei laut Sinoma-EC mit vertikaler Anströmung um den Faktor 2,5 kleinere Baugrößen möglich sind [5]. Bei der 2. und 3. Anlagen-Generation chinesischer Lieferanten wird der überhitzte Dampf aus dem Ofen-Abhitzekessel mit dem höher überhitzten Dampf aus dem Kühler-­Abhitzekessel vermischt und um weitere 50–60 °C erwärmt, so dass bis zu 45 kWh/tKli an Energie gewonnen werden können.

Die wichtigsten Anbieter für konventionelle Abwärmenutzungen mit Dampfverfahren sind neben den genannten chinesischen Lieferanten und weiteren drei chinesischen Firmen die Unternehmen Conch Kawasaki, JFE Engineering Corporation, TESPL (Transparent Energy Systems), die eine Lizenz von Nanjing Triumph besitzen, BHEL, Thermax India und Krupp Polysius, die mit Dalian East einen Zusammenarbeitsvertrag haben. Das Dampfkreislauf-Verfahren gilt als ausgereift, signifikante Technologieunterschiede sind bei den Lieferanten nicht festzustellen. Als Benchmark gilt nach wie vor die Technologie von Kawasaki, die auch über die längste Erfahrung in dem Sektor verfügen.

4.2 ORC- und Kalina-Cycle
Bei den ORC-Verfahren wird anstelle von Wasserdampf ein hochmolekulares organisches Arbeitsmedium wie Silikonöl, Kohlenwasserstoffe oder Kältemittel verwendet, welche eine deutliche niedrigere Verdampfungstemperatur als Wasser bei gleichzeitig hohem Dampfdruck aufweisen und im Niedertemperaturbereich unterhalb von 300 °C im Vergleich zum Wasser-Dampfkreislauf höhere Wirkungsgrade ermöglichen. Zur Wärmeauskopplung am Rekuperator (Abhitzekessel) wird zumeist ein Thermalölkreislauf verwendet. Das Wärmeträgeröl heizt einen zweiten Kreislauf (Bild 10) und verdampft dort das organische Arbeitsmedium, welches üblicherweise eine 2-stufige Turbine zur Stromerzeugung antreibt. Das Verfahren ist relativ einfach zu automatisieren und relativ wartungsfrei.

Das Kalina-Verfahren ist ein modifiziertes Rankine-Verfahren, bei dem als Arbeitsmedium ein binäres Wasser-Ammoniak-Gemisch verwendet wird. Der Vorteil des Prozessfluids ist die Anpassbarkeit der Verdampfungs- und Kondensationstemperaturen, so dass das Verfahren bis zu niedrigsten Abwärmetemperaturen unterhalb von 150 °C einsetzbar ist. Da Wasser und Ammoniak aber ein ähnliches Molekulargewicht besitzen, können zur Stromerzeugung konventionelle Dampfturbinen (Bild 11) eingesetzt werden.

ORC- und Kalina-Verfahren sind allerdings apparate­technisch aufwändiger als Wasser-/Dampfkreisläufe. Derartige Verfahren sind aber bereits in größerer Zahl bei einer Reihe von anderen Stromgewinnungstechniken wie beispielsweise der Nutzung von Erdwärme bzw. Geothermie-Kraftwerken und der Kraft-Wärme-Kopplung im Einsatz. Für Anlagenleistungen von 1 bis 10 MW wurden Kompaktanlagen konzipiert, die auch für die Zement­industrie interessant sind.

In dem Bereich für die Zementindustrie existiert nur etwa eine Handvoll Anbieter. Als wichtigste Lieferanten von ORC-Verfahren für die Zementindustrie gelten Turboden, die zu Pratt & Whitney gehören, und ABB. Daneben ist TMEIC in dem Markt aktiv. Mit dem Kalina-Verfahren hat sich FLSmidth als Lizenznehmer von Wasabi Energy (Recurrent Engineering) im Markt etabliert. Weitere Lizenznehmer von Wasabi sind Shanghai Shenge und Siemens, die bisher für die Zementindustrie keine eigenen WHR-Systeme geliefert haben. ORC- und Kalina-Verfahren gelten inzwischen als ausgereift. Allerdings sind die Technologien bisher nicht für Anlagen > 10 MW ausgeführt. Veröffentlichte Wirkungsgrade der Stromgewinnung aus Abwärme in Zementanlagen betragen 21–22 %.

4.3 Investitionsbetrachtungen
Auf die große Bandbreite von Amortisationszeiten von WHR-Anlagen und die schlechte Vergleichbarkeit wurde bereits eingangs hingewiesen. Die Investitionskosten selbst sind von einer Reihe von Parametern abhängig. Von Holcim wurde veröffentlicht, dass die spezifischen Anlagenkosten in erster Linie von der Anlagenleistung abhängig sind [6]. Entsprechend bewegen sich Investitionen von 2 Mio. US$ pro MW für Anlagenleistungen von 25 MWel bis hin zu 7 Mio. US$ pro MW für Anlagenleistungen von 2 MWel. HeidelbergCement hat die Investitionssummen für das Jahr 2010 für chinesische Anlagenlieferungen in verschiedene Regionen ermittelt [7] (Bild 12). Die Preislevel gelten jeweils für eine 5000 t/d-Klinkerproduktionslinie mit einem 4- bis 5-stufigen Ofenwärmetauscher und Rohmaterialfeuchten von 3–4 %, bzw. Anlagenleistungen in der Größenordnung von 9 MW. Man erkennt, dass der Preislevel in China nur etwa halb so hoch wie in Europa ist.

ORC- und Kalina-Verfahren haben es augenblicklich noch schwer mit den niedrigen Investitionskosten für Steam-Rankine-Verfahren mitzuhalten. Von Anbietern solcher Verfahren wird gesagt, dass man etwa 10 % teurer ist als konventionelle Dampfverfahren. Die Frage ist, mit welchem Preislevel hier verglichen wird. Von Turboden werden die Investitionskosten für ORC-Systeme von 2,5 Mio. €/MW im günstigsten Fall (10 MW Leistung) bis zu 4,5 Mio. € im ungünstigsten Fall (1 MW Leistung) angegeben. Der große geldwerte Vorteil von ORC-Anlagen aber ist, dass die operativen Kosten und Wartungskosten (O+M) mit nur 0,035 Mio. € pro MW und Jahr vergleichsweise sehr niedrig liegen. Hier darf noch einmal daran erinnert werden, dass in CDM-Dokumenten für konventionelle Dampfverfahren und mittlere Anlagengrößen die O+M Kosten etwa 10 % der Investitionskosten betragen und damit kurze Kapitalrückflusszeiten erschwert werden.

Die Investitionskosten für die Anlagen sind nicht unwesentlich davon abhängig, welches Kühlsystem gewählt wird und wieweit man damit die Temperatur am kalten Ende absenken kann. Üblicherweise werden Nasskühltürme oder Trocken-/Hybridverfahren eingesetzt. Mit Nasskühltürmen kann die Temperatur des Prozessfluids auf unter 25 °C abgesenkt werden. Das Wasser wird dabei weitgehend rezirkuliert, obwohl ein hoher Anteil verdunstet. In bestimmten Gegenden bietet es sich an, die Restabwärme für Heizzwecke oder für Gewächshäuser zu verwenden, die sich in der Peripherie von Zementwerken ansiedeln können.

5 Fallbeispiele

5.1 Narjan Cement, Werk Sultana/Saudi Arabien
Narjan Cement wurde in 2005 gegründet. Das Unternehmen verfügt am Standort Sultana im Süden Saudi Arabiens über zwei Klinkerproduktionslinien mit 6000 t/d und 3000 t/d (Bild 13), die 2007 und 2008 in Betrieb genommen wurden. Um dem wachsenden Zementbedarf im Süden des Landes und dem benachbarten Yemen gerecht zu werden, entschied man sich, eine weitere 7000 t/d-­Linie zu bauen. Die Anlage soll im 3. Quartal 2013 in Betrieb gehen. Die neue Linie wird mit einer WHR-Anlage für insgesamt 27,1 MW erweitert, womit in Saudi Arabien eine der weltweit größten Abwärmerückgewinnungsanlagen der Welt errichtet wird [8]. Die Abwärme wird von allen drei Klinkerlinien und den vorhandenen Dieselgeneratoren genutzt. Insgesamt werden fünf Abhitzekessel für die Ofenabgase und drei Abhitzekessel für die Kühlerabgase sowie zehn Abhitzekessel für jeweils 7-MW-Diesel­generatoren gebaut und in zwei Generatorenanlagen mit jeweils 13,75 MW Nennleistung verstromt. Die Projektkosten für die WHR-Anlage werden mit 44,9 Mio. US$ beziffert, d.h. man kommt auf 1,66 Mio. US$ pro erzeugter MW. Lieferant ist Sinoma-EC, die das Projekt Turnkey in 19 Monaten ausführen.

Für die neue 7000 t/d-Anlage mit 5-stufigen Wärmetauscher ergibt sich folgende Wärmebilanz: Der Wärmeeintrag über Brennstoff und die Luft beträgt 3291 kJ/kgKli. Als Prozesswärme werden 1717 kJ/kg d.h. 52,2 % benötigt. Die Ofengasabwärme macht 682 kJ/kg (20,7 %) aus, die Kühlerabluftabwärme macht 486 kJ /kg (12,35) aus. Etwa 8 % an Energie wird aus der Restwärme des Ofenabgases für die Trocknung des Rohmaterials benötigt. Mit der WHR-Anlage können jährlich 164,5 GWh an Energie erzeugt werden, das entspricht 34 % der für die drei Ofenlinien mit insgesamt 15 000 t/d benötigten elektrischen Energie von 481,8 GWh. Ca. 37 200 t Schweröl werden eingespart, entsprechend lassen sich mit der WHR-Anlage jährlich etwa 145 000 t an CO2 einsparen. Die Kosten für die Stromerzeugung werden mit 0.0271 SR/kWh beziffert. Im Vergleich dazu belaufen sich die Kosten für die Stromerzeugung mit den Dieselgeneratoren auf 0,997 SR/KWh.

5.2 Akçansa Cement, Werk Cannakale/Türkei
Akçansa ist ein Gemeinschaftsunternehmen von HeidelbergCement und Sabanci Holdings. Das Unternehmen verfügt über ein separates Mahlwerk und drei integrierte Zementwerke an den Standorten Istanbul, Ladik und Cannakale. In Cannakale existieren zwei Ofenlinien mit jeweils 6000 t/d (Bild 14). Man entschied sich Ende 2009 dort eine WHR-Anlage für 15,2 MW zu bauen [7]. Die Anlage wurde von Sinoma-EC nach nur 19 Monaten Zeit zwischen EP-Auftrag und Inbetriebnahme im Juli 2011 errichtet. Die WHR-Anlage verfügt für jede Ofenlinie über jeweils zwei vertikale Abhitzekessel für die Ofenabgase und einen Abhitzekessel für die Kühlerabluft (Bild 15). Für die Stromerzeugung wird eine sogenannte Flushing-Dampfturbine verwendet, wie sie in zahlreichen chinesischen Projekten eingesetzt wird. Die Investitionskosten wurden mit 24 Mio. US$ (1,69 Mio. US$/MW) beziffert. Jährlich werden 105 GWh Elektrizität erzeugt, das entspricht etwa 30 % des benötigten Stroms. Die jährliche CO2-Einsparung beträgt 60 000 t.
5.3 CIMAR, Werk Ait Baha/Marokko
Italcementi verfügt in Marokko mit CIMAR (Ciments du Maroc) über eine Zementkapazität von 5,1 Mta aus den drei integrierten Werken in Ait Baha, Safi und Marrakesch und dem Mahlwerk in Laayoune. Das Werk in Ait Baha (Bild 16) wurde in 2009 mit einer Zementkapazität von 2,1 Mta für mehr als 300 Mio. € als Ersatz für das stillgelegte Werk in Agadir errichtet. Bei Italcementi entschied man sich, in dem neuen Werk eine WHR-Anlage auf Basis des ORC-Verfahrens zu bauen. Die 5000 t/d-Klinkerproduktion verfügt über einen Abwärmerekuperator (Abhitzekessel) für das Ofenabgas, der die Abwärme bei 330 °C an einen Thermalölkreislauf mit Rückkühlsystem (Bild 17) abgibt [9]. Von dort wird die Wärmeenergie an das ORC-Arbeitsmedium übertragen, welches eine 2-MW-Turbine antreibt. Das Ofenabgas wird auf 220 °C für die nachfolgende Rohmaterialtrocknung abgekühlt.

6 Ausblick

Seit zwei bis drei Jahren ist ein merklicher Anstieg von WHR-Anlagen nach den ORC- und Kalina-Verfahren zu verzeichnen, während weltweit die Zahl der konventionellen Dampfverfahren rückläufig ist. Ein wichtiger Grund dafür ist die zunehmende Wettbewerbsfähigkeit dieser Technologien durch wachsende Referenzen und Erfahrungen mit den Systemen. Ein weiterer Grund kann darin gesehen werden, dass mit der Verbesserung der Wirkungsgrade von Klinkerproduktionslinien die Abwärmen aus dem Zementprozess und damit die Wärmepotentiale und Temperaturen für konventionelle Dampfprozesse abnehmen und somit die nicht-konventionellen Verfahren an Wettbewerbsfähigkeit gewinnen.

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